Ein Dach über dem Kopf für Familien in Not

Fotos: Birgit Leiß/Webredaktion

Die 2022 eröffnete Wohnungslosenunterkunft Vita Domus ist ein helles, freundlich wirkendes Haus. Alles sieht noch neu aus, die Flure sind sauber und aufgeräumt. Im zweiten Stock öffnet Perin die Tür und bittet herzlich herein. Seit April 2025 bewohnt sie mit ihrem Mann und den vier Kindern zwei Zimmer, eins davon mit Küchenzeile, plus Bad. „Ich kann mich nicht beklagen“ betont die gebürtige Berlinerin. Alles sei sauber und ordentlich und vor allem müssen Bad und Küche müssen nicht mit anderen geteilt werden– keine Selbstverständlichkeit in Notunterkünften. Die Leiterin, Frau Richter, sei eine „Top-Dame“, mit der man über alles reden kann. „Ich würde dem Haus 10 von 10 Punkte geben.“ Aber es ist eben nur ein Dach über dem Kopf, kein richtiges Zuhause. „Die Mädchen bräuchten dringend ein eigenes Zimmer, es fehlt an Privatsphäre“, erklärt Perin.

Von der Vierzimmerwohnung in die Notunterkunft

16 Jahre lang hat die Familie eine Vierzimmerwohnung in der Allerstraße im Schillerkiez bewohnt. Immer häufiger gab es Beschwerden, dass die Kinder zu laut seien. Ein Gewerbemieter im Haus habe sie regelrecht gemobbt. Mit ihm kam es eines Tages zu einem heftigen Streit, bei dem der 20-jährige Sohn die Mutter verteidigte. Die Richterin hatte kein Verständnis für die tätliche Auseinandersetzung und bestätigte die Kündigung. Das sei alles geplant gewesen“, ist sich die 18-jährige Sultanur sicher: „Der Vermieter wollte uns loswerden, um die Wohnung teurer zu vermieten, der hat nur auf einen Fehler von uns gewartet.“ Als dann der Gerichtsvollzieher vor der Tür stand, sei das der schlimmste Tag in ihrem Leben gewesen, erzählt Perin.

Viele Aktivitäten und Unterstützung im Haus

„Nicht den Kopf hängen lassen“ ist das Motto der 50-jährigen. Während die Kinder in der Schule oder an ihrem Ausbildungsplatz sind, durchforstet sie das Internet nach Wohnungsangeboten und schreibt Bewerbungen. „Ein Fulltime-Job“, seufzt sie. Mitarbeitende des Vita Unternehmensverbunds unterstützen sie bei der Wohnungssuche und stellen außerdem, gemeinsam mit anderen Partnern aus dem Stadtteil, einiges für die Kinder auf die Beine. Sultanur zeigt Fotos von der Halloween-Party und berichtet begeistert vom Herbstferienprogramm mit Fußballturnier, Ausflügen und anderen Aktivitäten. Bastelangebote mit den Stadtteilmüttern gehören zum wöchentlichen Angebot. Ein Großteil des außerhäuslichen Familienalltags spielt sich nach wie vor im Schillerkiez ab. Der jüngste Sohn besucht die Grundschule in der Weisestraße und die beiden Mädchen gehen regelmäßig in den Mädchentreff Schilleria. Vom Abenteuerspielplatz Wilde Rübe Rübe im Harzer Kiez hat Sultanur zwar gehört. „Aber wir gehen schon seit wir klein sind in die Schilleria, alle meine Freundinnen sind dort.“ Auch ihre Mutter trifft sich mit Freundinnen meist in ihrem alten Kiez. Hier am Kiehlufer sei es ziemlich abgelegen. Rund um die Boddinstraße gibt es dagegen viele Cafés und Dönerimbisse, erklärt sie.

Der Traum von einer Wohnung in Neukölln

79 Apartments für Familien gibt es in der Einrichtung am Kiehlufer. Konflikte gebe es keine, aber auch keine engeren Kontakte, berichtet Perin. Nur mit einer Nachbarin, ebenfalls Berlinerin mit türkischen Wurzeln, hat sie Freundschaft geschlossen. Ihr Wohnungsverlust verlief noch dramatischer. Als die Mutter von drei Kindern eines Tages von der Arbeit nach Hause kam, hatte ihr Vermieter das Schloss der Wohnung ausgetauscht und all ihre Sachen in Kisten gepackt. Nach einem Jahr hat sie nun endlich eine Wohnung gefunden. „In Rudow- immerhin“, sagt sie. Perin wäre flexibel, doch die Kinder wollen unbedingt in Neukölln bleiben. „Hier bin ich doch aufgewachsen“, erklärt Sultanur. Der größte Wunsch der gesamten Familie: schnell eine Wohnung finden. Dann bekommt Sultanur endlich eine Katze und Perin will sich einen Job als Beiköchin suchen.